Lost Places im Harz – Teil II: Die Johanniter Heilstätte in Sorge

Lost Places im Harz – Teil II: Die Johanniter Heilstätte in Sorge

Die Johanniter Heilstätte in Sorge ist ein wunderbaret Lost Place im Harz, der zu Fototouren und zum Fotografieren einlädt.

Sorge und Elend, zwei Ortsnamen, die nicht gerade anziehend klingen und doch einen Besuch wert sind. Einerseits liegt dies an den wunderbaren Wanderwegen rund um diese Orte, die fern des Trubels bekannterer Harzorte liegen und zum anderen an der Heilstätte in Sorge, einem bekannten Lost Place. Für Lost-Places-Begeisterte gibt es dort die Möglichkeit, nach vorheriger Anmeldung gegen eine Spende an einer Führung teilzunehmen und anschließend dort in Ruhe im Lost Place zu fotografieren. Inzwischen war ich schon drei Mal dort, und zwar zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Besonders faszinierend ist die Tatsache, dass man in diesem Lost Place sieht, wie detailreich und schön die damalige Architektur war: Ob Treppengeländer, Erker oder Wandbemalung – die Johanniter Heilstätte in Sorge muss früher ein unglaublicher Ort gewesen sein. Das spürt man noch heute, wenngleich Kabeldiebe, Vandalen und sonstige Idioten so gut wie nichts, auch kein Parkett (!), drinnen gelassen haben. Aber dazu gleich im Detail.

Lost Places im Harz - Teil 1: Warum der Harz die perfekten Bedingungen bietet!

Die Geschichte der Heilstätte – von der Lungenheilstätte zum Krankenhaus

Foto vom Lost Place Johanniter Heilstättige in Sorge im Harz.
Die Heilstätte in Sorge ist ein klassischer Lost Place mir vielen interessanten Treppengeländern, Fluren und Fenstern.

Für die damalige Zeit in rasender Geschwindigkeit komplett aufgebaut, respektive vom Baubeschluss im Jahr 1899 bis zur Einweihung im Sommer 1902, ist das noch zu ahnende Detailreichtum beeindruckend. Auf dem Ochsenberg errichtet, liegt dieses Lost Place inmitten eines sehr schönen Fichtenwaldes – ideal für die damaligen Patientinnen der Johanniter. Bis Anfang der 1960er Jahre wurden lediglich Frauen hier behandelt. An alles war gedacht und die Ausstattung der Heilstätte für damalige Verhältnisse modern und umfangreich: Im Gebäude wurde eine Kirche implementiert, die später als Kinosaal diente. Wintergarten, Musizierzimmer, alles da, inklusive bestem Blick in die Harzer Wälder. Ein repräsentativer Freiluftsaal ermöglichte es den Lungenkranken, draußen zu ruhen und ihren Kuraufenthalt zudem mit Bewegung an der frischen Harzluft zu ergänzen – daher auch die schönen Wege rund um den Ochsenberg. Schon 1909 wurden in diesem Lost Place im Harz durch den damaligen Chefarzt Röntgengeräte angeschafft und noch heute kann man im Gebäude den Röntgenraum gut identifizieren. Postkarten aus den 1920ern zeigen lediglich kleine Bäume drum herum, was heute angesichts der dichten Wälder beinahe unvorstellbar ist. Auch zur Zeit des Ersten Weltkriegs wurde die Lungenheilstätte in Sorge unverändert weiterbetrieben. Umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen erfolgten nach dem Beschluss von 1926 und zwei Jahre später wurde der Neubau bzw. Anbau, der nun ebenfalls moderne Operationssäle beinhaltete, eingeweiht. 1938 folgte eine zusätzliche Erweiterung. So vollzog sich der Wandel des heutigen Lost Place von einer Heilstätte zu einem zeitgemäßen und gut ausgestatteten Krankenhaus. Noch heute kann man Neu- und Altbau anhand der Fensterformen gut unterscheiden.

Auf dem Weg zum Lost Place: Vom Krankenhaus zur Faultierfarm

Fotografieren und Fototouren - Lost Place im Harz bzw. Mitteldeutschland: Die Heilstätte in Sorge.
Auch ein Blick in den kleinen Hof lohnt sich. Die Heilstätte in Sorge hat mich wirklich begeistert. Sie eignet sich bestens zum Fotografieren und Erkunden.

Dem 1940 verstorbenen langjährigen Chefarzt der Johanniter Heilstätte, Hans Pigger, wurde nach dessen Tod ein Gebäude gewidmet, das Dr.-Pigger-Haus. Leicht rückläufig waren die Belegungszeiten dann während des Zweiten Weltkrieges insgesamt, um nach dem Krieg wieder leicht anzusteigen. Die verbesserten medizinischen Bedingungen und der Rückgang der Tuberkulose jedoch führten zu einer Patientenreduktion von 180 auf 120 Patienten bis 1961 in dem heutigen Lost Place. Folgende Neuerungen kamen ab den 1960er Jahren auf diesen idyllischen Ort im Harz zu: Männer wurden ebenfalls zugelassen, um die Belegungszahlen der Heilstätte in Sorge insgesamt anzuheben, und, ganz bedeutend für das Haus: Der Johanniterorden musste alles an die evangelische Landeskirche abgeben. Direkt im Zonensperrgebiet und zu nahe an Hohegeiß gelegen, sorgte die DDR-Regierung für die Einstellung des Betriebs zum Jahr 1967. Was sich viele Jahre lang für die Behandlung von Lungenkranken etabliert hatte, wurde 1968 zum Kurheim für die NVA. Der Behandlungsschwerpunkt verlagerte sich in den jetzt folgenden Jahren auf Herz- und Kreislauf- sowie auf Wirbelsäulenerkrankungen mit insgesamt 150 Plätzen für Kranke. Bis 1986 galt in Sorge im Übrigen ein strenges Rauch- und Alkoholverbot und erst ab Mitte der 1980er wurden privilegierte DDR-Bürger der umliegenden Harzorte dort behandelt. Im Sperrgebiet gelegen, kann man sich vorstellen, dass lediglich regierungstreuen Genossen ein Aufenthalt ermöglicht wurde. Lange Zeit hatte die Heilstätte Sorge den Spitznamen Faultierfarm, da es sich dort entspannt verweilen ließ.

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Vom Kurheim der NVA zum Lost Place

Flur im Lost Place Heilstätte Sorge im Harz. Perfekt geeignet zum Endecken, Fotografieren und zum Besuchen.
Ein Flur wie er im Lost Place sein sollte! Man erahnt noch die nachträglich angebrachte Vertäfelung im DDR-Stil.

Problematisch war es nach der Wende, da der Johanniterorden keine Möglichkeit sah, das Haus mit seinem anstehenden Renovierungs- und Investitionsbedarf erfolgreich wieder zu betreiben. Alle weiteren Nutzungsmöglichkeiten, welche die schöne Lage und die herrliche Architektur der ehemaligen Heilstätte theoretisch ermöglichen, wurden nur erdacht und nie umgesetzt. Nach und nach kamen die Kabeldiebe, Müllentsorger und Vandalen [insert your favourite equivalent for idiot here], was dem Gebäude natürlich arg zusetzte. Ein großer Brand im Jahr 2007 sorgte für weitere Zerstörung, unter anderem auch auch den Zustand des kleinen Glockenturms, der unter dem rauen Harzklima mit viel Niederschlag und langen Wintern, auswirkte. Herausgerissene Waschbecken, heruntergeschlagene Fliesen und kaputte Lampenreste sowie eine einzige Gardine sind die traurigen Überbleibsel jahrelanger Zerstörungswut. Viel von den Wandmalereien und Fliesen ist nur noch zu erahnen, jedoch bleiben einige Glasfliesen zum Bewundern übrig. Ja, Glasfliesen. Eine unpopuläre Erfindung der DDR, wie man uns erzählte, denn das Anbringen an die Wand oder auf den Boden war unglaublich langwierig im Vergleich zu herkömmlichen Fliesen.

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Heutige Nutzung: Lost Places- und Schlittenhundecamp und Drehort

Um einfach vergessen zu werden, ist dieser Lost Place viel zu schön. Im Herbst und Winter ist es relativ spooky, man hört Fensterklappern und allerhand Geräusche. Umso besser, dass Jens Ertel dem ganzen Areal Leben zurückgibt und dort das Fotografieren nach vorheriger Terminabsprache erlaubt ist. Zudem bietet Jens, der die Führungen im Übrigen sehr informativ und unkompliziert gestaltet, ein Schlittenhundecamp, Grenzausfahrten und ein Lost Places Camp an. Habe schon sehr viele Timelapse-Bilder und Videos der Heilstätte in Sorge bei Nacht gesehen, das dürfte sich lohnen. Auch von Geocachern wird das Areal sehr gerne genutzt. Bitte vergesst nicht, Euch dort warm anzuziehen. Selbst im Sommer, wenn es selbst in Sorge mal richtig warm werden kann, ist es super kalt und zugig in der Heilstätte Sorge selbst. Wenn das Licht günstig fällt, erstrahlt das ganze Gebäude von innen. Die gruselige Umgebung dieses Lost Place im Harz ist daher natürlich wie gemacht für Horrorfilme, daher wurde dieser Ort für die Horrorproduktion „Ostzone“ genutzt. (Mehr als den Trailer davon konnte ich mir leider nicht geben; selbst für Anhänger sehr trashiger und anspruchsloser Horrorfilme ist dies zu schlecht, sorry. Der Film wird sicherlich seine Fans finden.). In der großartigen „Vergessen im Harz“ Reihe von Enno Seifried kam die Heilstätte Sorge natürlich vor. Im Sommer 2018 findet erfreulicherweise in der Heilstätte ein Amateur-Filmfest statt:

Ist die Heilstätte in Sorge nicht ein wunderbarer Ort für eine derartige Veranstaltung?

Fotografieren im Lost Place: Die wichtigsten Tipps

Die Heilstätte Sorge ist ein Lost Place, der sich im Harzer Ort Sorge befindet.
Ganz gleich, ob von außen oder von innen: Die Heilstätte Sorge ist ein hervorragender Ort, um dem Hobby der Lost Places-Fotografie nachzugehen.

Eine Info noch vorweg: In den Keller der Heilstätte darf man nicht (ist aufgrund des Asbestvorkommens sicher auch keine gute Idee), dennoch lohnt sich die Mitnahme eines Stativs auf jeden Fall. Das gilt insbesondere dann, wenn ihr kein lichtstarkes Objektiv mitbringt. Mit meinem sehr geschätzten Nikkor 35mm 1.8 G kam ich auch ohne Stativ zu guten Ergebnissen. Kitobjektive oder die vielfach genutzten Reisezooms mit einer Brennweite von 18-200mm sind in der Regel nicht lichtstark und für die manchmal sehr düsteren Flure keine gute Wahl. Dies ist auch der Grund, warum ich lieber ein Objektiv mehr mitschleppe, als mit einem Allrounder unterwegs bin, welches vielleicht bei gutem Wetter bei der ein oder anderen Brennweite gute Bilder macht.
Im Prinzip bietet sich für die Heilstätte in Sorge aber alles um die 10 – 17 mm an APS-C eher an, um in kleineren Räumen alles mitzunehmen. Mein Sigma 17-70mm 2.8-4er hingegen braucht deutlich mehr Licht, und bei Belichtungsreihen geht ohne ein zuverlässiges Stativ ohnehin nichts. Zwischen farbiger Bearbeitung und Schwarzweißfotos konnte ich mich bei der Bearbeitung nicht entscheiden, manchmal war es in monochrome irgendwie besser. Schöne Motive bieten die Texturen des Gebäudeinneren wie die Tapeten, die Fenster sowie die übriggebliebenen Türen und Treppengeländer. Aber auch im Außenbereich warten viele kleine und große Details darauf, entdeckt zu werden!

Wer sich weitere Eindrücke von dem Areal verschaffen möchte, kann auf Jens‘ offizieller Facebook-Seite („Lost Place Erlebniscamp“) Kontakt aufnehmen und einen Termin vereinbaren.

Weitere Fotos vom Lost Place Johanniter Heilstätte (Sorge / Harz)

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Lisa
<p>Harz- und naturbegeistert, Faible für Fotografie im Allgemeinen und Vintage-Linsen im Speziellen. Hunde ♥ Bäume ♥ Wälder ♥ Wiesen ♥ Teiche ♥ Natur</p>

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