Lost Place in Thüringen: Das herrschaftliche Hotel

Lost Place in Thüringen: Das herrschaftliche Hotel

Ein Foto von einem Lost Place in Thüringen, bei dem es sich um ein herrschaftliches Hotel handelt.

Ein Lost Place außerhalb des Harzes: Viel erwartet hatte ich nicht, als ich mir die Tour zu diesem bekannten Lost Place ausgesucht hatte – eher weit im Voraus anvisiert und zudem mit wirklich sehr geringen Erwartungen an das Ganze herangegangen. Sind gebuchte Touren nicht immer mit dem Massenandrang anderer Lost Places Fotografen verbunden? Gibt es genug spannende Motive im verlassenen Haus und reicht die vorgegebene Zeit? An meinen ersten Besuch in der Stadt, in der diese Location steht, konnte ich mich kaum erinnern – kein Wunder, die frühen 1990er sind in vielerlei Hinsicht weit weg. Überraschten mich zunächst die Sauberkeit, Gepflegtheit und einfach die architektonische Schönheit des Drumherum mit Jugendstilvillen nebst blühenden Magnolien- und Kirschbäumen, gab es schnell sehr viel mehr Schönes vor Ort zu entdecken. Viel gepflegtes Grün drumherum, kein Beton – schon war ich überzeugt und plane, bald noch einmal dort hinzufahren, und zwar ganz unabhängig von der Lost Places Fotografie. Thüringen ist, ebenso wie der Harz, herrlich begrünt und naturnah. Im Kontrast zu so viel Kleinstadtidylle, inklusive Eichhörnchen im Park, steht das verfallene Hotel: Ganz offensichtlich in einem sehr maroden Zustand, was bereits von Weitem zu erahnen ist – und kaum zu übersehen in exponierter Lage gelegen. Weit vor der Jahrhundertwende erbaut, machte dieses heutige Lost Place seinerzeit einiges her, besonders kurz nach seiner Errichtung.

Trauriger Leerstand des Lost Place in Thüringen

Ein Lost Place in Thüringen, Mitteldeutschland mit den typischen Motiven für Lost Places-Fans.
Dieser verlassene Ort bietet sehr ansprechende Fotomotive und ziemlich viele spooky Ansichten. Das herrschaftliche Hotel ist durchweg ein intererssanter Lost Place.

Schon Ende der 1920er Jahre veränderte sich das Erscheinungsbild nach einem Brand allerdings recht deutlich und das einstige Detailreichtum aus den Gründungsjahren dieses Lost Places verschwand: Mit dem Brand war auch die ursprüngliche Fassade Geschichte und wurde nur noch in einfacher Ausführung neu gestaltet. Das, was aktuell von der Außennansicht des Lost Places übrig ist, stammt in dieser Ausführung gar nicht aus der Anfangszeit. Die damaligen Ambitionen, aus der bezaubernden Kleinstadt in Thüringen eine elegante Kurstadt wie Baden-Baden zu machen, spiegeln sich in der Größe des Hauses und in den umliegenden Häusern durchaus wider. Aber wer will schon ernsthaft Baden-Baden einen Besuch abstatten? Gut erging es diesem Hotel nach der Erbauung bedauerlicherweise nicht lange, wurde es doch immer mal von Parteien für Wahlkampfveranstaltungen genutzt und die Bausubstanz nach 1945 stark vernachlässigt: kein schönes Schicksal. Seit Mitte der 1990er steht es ganz leer und ist somit wirklich völlig und unwiederbringlich lost. Eine Sanierung des Lost Place erscheint unmöglich und, wie an zahlreichen anderen verlassenen Orten auch, gab es das übliche und sehr langwierige Hin und Her zwischen ambitionierter Neugestaltung, Abriss oder mehr oder weniger realistischen Sanierungsfantasien. Ein Verharren im Konjunktiv, bis der Schimmel und die Nässe im Objekt für den Rest sorgen.

Brandschäden und Vandalismus im Lost Place – oder doch viele Fotomotive?

Abbläternde Farbe in einem Hotel, das heute ein typischer Lost Place ist.
Abblätternde Farbe darf natürlich in keinem Lost Place fehlen! Im herrschaftlichen Hotel ging es einst sehr nobel zu. Doch diese Zeiten sind nun vorbei und das Gebäude durchläuft die typischen Phasen eines verlassenen Ortes.

Zunächst war ich ein wenig enttäuscht, da der Eingangsbereich stockfinster ist – da dieser Lost Place in einigen Arealen nicht mehr begehbar ist, beginnt die Tour in der Küche. Da einige Teile nicht mehr begehbar ist, beginnt die Tour in der Küche und zum Auftakt strömt mir der vertraute Kellergeruch, der in Lost Places wirklich nicht fehlen darf, entgegen. Alles erst einmal sehr düster und nicht sonderlich einladend. Sollte es jetzt die ganze Zeit so unspektakulär weitergehen? Nein, so dunkel blieb es erfreulicherweise in weiten Teilen nicht, auch nicht im unteren Part, einen richtigen Keller im Untergeschoss findet man nicht vor. Schnell erreichte ich also die Teile des verlassenen Hotels, die zahlreiche Motive boten. Ein Lost Place, welches seit so langer Zeit leer steht und einen entsprechenden Bekanntheitsgrad errungen hat, ist meist arg mitgenommen. Selbsterklärend finden sich in nur Einzelfällen noch persönliche Gegenstände oder interessante Kleinigkeiten in den Gebäuden, die eine derart lange Zeit sich selbst überlassen worden sind. Jeder, der mehr oder eher weniger bekannte Lost Places im Harz oder irgendwo anders nach einiger Zeit noch einmal besucht, kennt den Schwund: Erstaunlich, was alles mitgenommen wird. Besonders schlimm hat es da die Johanniter Heilstätte in Sorge erwischt, wo wirklich restlos alles gemopst wurde – von der Lampe bis zu den Lichtschaltern. Selten, aber manchmal eben doch, erfreut man sich hier im Objekt an alten Telefonen, Lampen, Monitoren – und hier gab es tatsächlich noch das ein oder andere Detail oder Fundstück. Da die Tour von relativ vielen Lost-Places-Begeisterten gebucht wurde, verschwand ich erst einmal in den anderen Teil des Hotels und wurde mit zahlreichen Motiven, ausreichend Platz und einem wirklich schönen Ausblick auf die Stadt belohnt. Interessant dabei, und stets vielleicht ein bisschen stilwidrig, erschien mir die innenarchitektonische Ausgestaltung des Hauses mit dem einst (pseudo-)mediterranen Konzept – aber hey, wir reden von den 1990ern. Zu dieser Zeit war das Style-Highlight nun einmal die Tapete mit Toskanaeinschlag in gelber und grüner Farbe. Eine mehr als ausreichende Entschädigung jedoch bot die Aussicht aus den Zimmern. Die Touristen, die hier einmal Urlaub gemacht haben, hatten wirklich einen ausgesprochen schönen Ausblick gehabt! Von den eigentlichen Höhepunkten des Ortes war ich in diesem Bereich des Hotels jedoch noch relativ weit entfernt.

Treppen und Fenster in Lost Places

Ein altes Telefon im ehemaligen Hotel, das heute ein verlassener Ort bzw. Lost Place ist.
Hier ein altes Telefon im Lost Place, das bestimmt einmal treue Dienste geleistet hat. Heute passt es nach wie vor gut in das ehemalige Hotel, das sich in Thüringen befindet. Wie lautete wohl die damalige Nummer samt Vorwahl?

Besonders fotogen kommen manchmal die Fenster und Treppen in Lost Places daher. Am besten wachsen Brombeersträucher oder rankende Pflanzen finden ihren Weg durch die zerbrochenen Fensterscheiben, es grünt mit Farn in den Zimmern und Wendeltreppen warten aufs Weitwinkel. Es muss nicht direkt die Spiraltreppe in der Sixtinischen Kapelle sein, aber wenn es sich windet und die Farbe abblättert, dann sind gute Fotos fast schon garantiert: Das kleine hübsche Treppenhaus tauchte ein bisschen unerwartet auf, der Faltplan für das Lost Place, den wir am Eingang erhalten hatten, steckte da schon in meiner Tasche. Mit Stativ und Taschenlampe sowie mit mehreren Objektiven bepackt war mir nicht nach dem Lesen von Plänen, denn das Zurechtfinden in Lost Places geht ja ansonsten auch bestens ohne solcherlei Luxus. Ohne Frage, ein nicht zu unterschätzender Vorteil von gebuchten Touren ist die Ruhe und die Zeit, über die man für die einzelnen Einstellungen, die Wahl der Bildausschnitte und das Fotografieren mit Stativ am Ende dann in dem Lost Place verfügt. In nicht wenigen Situationen verzichte ich im Zweifel auf ein Stativ, worüber ich mich hinterher immer ärgere. Ein Fehler, natürlich, aber hier gab es ausreichend Zeit, das Stativ auszupacken und sich auf die Motive einzulassen. Dennoch war ich sehr froh über all das Licht, die großen Fenster und die Begrünung innerhalb und außerhalb des verlassenen Hotels. In den maroden Fluren krochen die Pflanzen das ein oder andere mal direkt in den Flur, was immer sehr gut ausschaut.

Der Saal der Säle im verlassenen Hotel: Ein tolles Fotomotiv

Saal in einem Lost Place mit schönen Kronleuchtern an der Decke.
Die Kronleuchter im größten Saal des Lost Places sind sehr gut erhalten. Ohnehin ist dieser Saal sehr groß und beeindruckend.

Einst einer der größten Festsäle im Bundesland Thüringen, ist die einstige Erhabenheit durchaus noch zu erahnen in diesem Lost Place. Die wirklich riesigen Lampen beeindrucken sehr und bieten mit der roten Deckenfarbe einen DER Hingucker des gesamten Lost Places. Glücklicherweise waren die Treppen, die vom Saal auf die Empore führen, noch in einem guten Zustand und alles dort begehbar – das kenne ich auch anders. Der Blick von der Bühne in die entgegengesetzte Richtung Toiletten lohnt sich ebenfalls aufgrund der interessanten Fenster und des hereinströmenden Lichts. Viele der sehr ansprechenden Motive dieses Lost Places konzentrieren sich um den Saal herum. Alte Telefone, interessante Deckenstrukturen und vor allem das Licht am späten Vormittag ist dort günstig. Der Saal selbst verlangt nach Ultraweitwinkel, alles über 16mm an APS-C ist schon zu viel hier, um die imposanten Lampen noch halbwegs einzufangen. Betritt man den großen Saal, kann man gut erahnen, wie es damals zugegangen ist auf den Veranstaltungen. Der Vorhang der Bühne etwa ist in weiten Teilen sogar noch vorhanden. Gerne hätte ich den Saal dieses Lost Place ohne die zweckmäßige Holzvertäfelung, die sich in vielen Lost Places in Sachsen-Anhalt und Thüringen findet, gesehen, aber auch das ist irgendwie ein kleines Stück Geschichte, die mit dem Haus verbunden ist.

Ein Fazit zu dieser Lost Places Tour

Die Aussicht vom Fenster des Lost Places in Mitteldeutschland bzw. Thüringen.
Auch in Bezug auf die Aussicht ist dieser verlassene Ort sehr attraktiv. Man sieht Villa an Villa, wenn man einen Blick durch die Fenster des Hotels wirft.

Abgesehen davon, dass es doch wirklich sehr viele Teilnehmer waren, die sich in diesem Lost Place tummelten, war die Tour durchaus lohnenswert. Ein großes Plus sind die zahlreichen schönen Motive wie die geschwungene Treppe, die mir ehrlich gesagt alleine so schon die Anreise wert gewesen wäre, und natürlich die Atmosphäre samt Aussicht auf die hübsche Stadt. Sofern man nicht brav wie ein Lemming mit der Masse geht und sich – vor allem natürlich mit Stativ und großem Rucksack bepackt – gegenseitig im Weg stehen möchte, kann man dort durchaus hinfahren. Gerne hätte ich noch weitere Informationen zu den Nebengebäuden oder einfach ganz grundsätzlich zu dem Haus erfahren, aber das geht dann halt auch anders. Über ausreichend Zeit zu verfügen, ist definitiv ein weiterer unbestreitbarer Vorteil bei gebuchten Touren im Allgemeinen. Der vorgegebene Zeitrahmen von fünf Stunden war im Übrigen recht gut und passend. Des Weiteren hielt sich der Schimmelbefall ziemlich in Grenzen und es gab, im Gegensatz zu den Lost Places, die ich vorher besucht hatte, keine Überraschungen wie tote Tiere, Blutflecken oder gar desolate Treppen, die ein Weitergehen unmöglich machen. Oft ist es ja auch so, dass schöne Lost Places im Harz oder anderswo so dermaßen marode sind, dass sie mehr oder weniger plötzlich nicht mehr zu betreten sind. Einige Teile des herrschaftlichen Hotels waren mit Flatterband abgeriegelt, da der Zahn der Zeit zu stark an gewissen Ecken nagte – wer weiß schon, wie lange man es noch besichtigen kann? Anfang 2018 hieß es zumindest, dass noch Teile des Hauses erhalten bleiben könnten. Wie so oft bei Lost Places ist es überhaupt nicht klar, ob dann doch ein Abriss erfolgen muss, wir werden sehen.

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Lisa
Harz- und naturbegeistert, Faible für Fotografie im Allgemeinen und Vintage-Linsen im Speziellen. Hunde ♥ Bäume ♥ Wälder ♥ Wiesen ♥ Teiche ♥ Natur

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