Schloss Vitzenburg – ein Lost Place, das hoffentlich noch zu retten ist

Schloss Vitzenburg – ein Lost Place, das hoffentlich noch zu retten ist
Gespenstisches Lost Place fotografieren, das alte Schloss liegt zentral in Sachsen-Anhalt.
Ein Flügel mitten im Saal des verlassenen Schlosses mitten in Sachsen-Anhalt.
Schloss V ist das Haus der Flügel und Kamine – der Innenbereich dieses Lost Place wartet mit dem ein oder anderen schönen Fotomotiv auf. Schade, dass es so verfällt.

Die Außenanlagen des Lost Place – Wein und Weitsicht

Weit weg vom Harz verschlug es Michael von Pixelschieber.blog und mich es zu diesem Lost Place – natürlich mit vorheriger Anmeldung und aufgrund eines freundlichen Tipps. Erfreulicherweise gab es an diesem Tag dramatische Wolken am Himmel und die Sonne versteckte sich ganztägig. Wie die Bewohner des Dorfes den Besucherandrang finden, das merkt man sehr direkt, wenn man in dem kleinen Ort Vitzenburg die falsche Abzweigung nimmt. An diesem herbstlichen Samstagmorgen um 10h hatten wir noch keinen Schimmer davon, dass tatsächlich sehr viele Besucher in das Schloss wollten oder zumindest in die Außenanlagen. Hinein in das Lost Place geht es nur nach telefonischer Voranmeldung mit etwas Vorlaufzeit – spontan hinkommen und innen fotografieren, das ist nicht erlaubt und offensichtlich nicht erwünscht. Bevor das Hauswartpaar anreiste, erkundeten wir jedoch zunächst das Drumherum des Lost Place. Am Hang über der Unstrut gelegen, findet sich ein alter Weinberg mit 2.5 ha nebst Kelterhaus, an dem unter anderem die Rieslingtraube angebaut wird. Wer mehr über den dortigen Wein erfahren will: https://www.vitzenburger-schlossberg.de/ Dort gibt es auch einen Link zum Förderverein. Die Aussicht über das Unstruttal ist wirklich fantastisch und Ende Oktober wachsen hier sogar noch riesengroße Brombeeren – im Oberharz undenkbar. Jedoch nagt auch hier der Zahn der Zeit an jeder Ecke, nicht nur im Innenbereich des Lost Place. Offensichtlich befinden sich die Außenanlagen wie z.B. das kleine Teehaus aber in der Renovierungsphase. Schön zu sehen, dass dieser Ort, der eine sehr wechselhafte Geschichte hinter sich hat, zumindest an einigen Stellen wieder

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Pavillon am Weinberg von Schloss Vitzenburg bietet eine tolle Aussicht in das Unstruttal.
Der Pavillon von Schloss V wird erfreulicherweise offensichtlich derzeit saniert. Diese einzigartige Bausubtanz sollte zu retten sein.

aufblüht. Der Garten um den Haupteingang des Lost Place ist wunderschön angelegt und sehr gepflegt: Das Wohnmobil des charmanten Hauswartpaares macht dort allerdings viele weitwinklige Aufnahmen oder auch Fotos von der Terrasse des verlassenen Schlosses aus unmöglich. Weitere Außengebäude des verlassenen Schlosses wie etwa die Stallungen befinden sich innerhalb der abgeschlossenen Anlage.

Von der ersten Siedlung im 9. Jahrhundert zu den Bauernkriegen

Die erste urkundliche Erwähnung ist bereits auf das 9. Jahrhundert datiert, auch wenn keine archäologischen Funde erhalten, auffindbar oder sonst wie nachweisbar sind. Interessant, dass es an diesem Lost Place noch keine archäologischen Grabungen gab. 991 stand an der Stelle ein Nonnenkloster, welches zu den Reichsabteien gehörte und innerhalb des Burggeländes lag. Einige Jahre später, 1112 wurde aus dem Nonnenkloster ein Mönchskloster. Wechselhaft ging es weiter, nur bruchstückhaft ist überliefert, dass 1235 einige Edelfreie nach der Burg benannt wurden. Die Bausubstanz des Lost Place wurde mit dem Weißenfelser Vertrag 1249 offensichtlich deutlich verändert: Mit dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten sollten die in der Landgrafschaft Thüringen angesiedelten Burgen zerstört werden. Zerstörung erfuhr die Burg 1492 auch durch einen Brand, der die Vorburg sowie das Pfarrgehöft in Mitleidenschaft zog. Welche Teile der Burg bzw. des späteren verlassenen

Die Außenanlagen des verlassenen Schlosses sind an diesem besonderen Lost Place besonders interessant und verziert.
Die Lage von Schloss V ist wirklich richtig schön. Leider sieht man bereits von außen schon, dass der Verfall des Schlosses unaufhaltsam fortschreitet.

Schlosses aus welcher Epoche stammen, kann aufgrund nicht erfolgter archäologischer Untersuchungen nicht mit Sicherheit gesagt werden. Sicher ist nur, dass das heutige Lost Place immer wieder durch zahlreiche Hände ging und von Rittern und Edelleuten bewohnt wurde. Die äußere Form änderte sich, betrachtet man frühere Ansichten von Schloss Vitzenburg, sehr stark.

Renaissance, Barock und Neorenaissance – Umbauten im Schloss V

Schon lange vor dem jetzigen Verfall des Schlosses lief natürlich auch in früheren Zeiten nicht sehr viel so, wie es eigentlich sollte: Der Bauernkrieg setzte dem Kloster Vitzenburg arg zu, sodass Verwüstungen von 1524 – 1526 sich zu der teilweise niedergebrannten Vorburg addierten. Erst viele Jahre später, ab 1574, ließen die Herren von Lichtenhayn Sanierungsmaßnahmen vornehmen – zumindest sind diese vermerkt, denn an dem Türbogen der Vorburg steht die Jahreszahl 1574. Einen Umbau zum Renaissanceschloss erfuhr das Lost Place durch Valten von Lichtenhayn, dem Nachkommen von Nickel von Lichtenhayn.

Erweiterungen im Barock durch die Familie von Heßler

Bedingt durch den im Dreißigjährigen Krieg aufgebauten Schuldenberg blieb den Söhnen Nickels von Lichtenhayn im Jahr 1649 keine andere Wahl, als Schloss Vitzenburg zu veräußern. Der Sohn des neuen Besitzers, Hans Heinrich III von Heßler, hatte für Schloss V andere Pläne und ließ vor dem Renaissanceschloss ein Rittergut entstehen. Stetige Erweiterungen und Umbauten folgten auch in den kommenden Jahren für das heutige Lost Place. Die Familie von Heßer gestaltete die Nordflügel im Barockstil aus und rund 50 Jahre später

Details im Lost Place wie Stuck oder Verzierungen finden sich überall und stellen lohnenswerte Fotomotive dar.
Wer genau hinschaut, entdeckt in diesem Lost Place viele kleine Details aus ganz unterschiedlichen Epochen. Stuck an der Decke, Wappen oder Jahreszahlen finden sich überall.

errichtete man zudem die Hofkammern/die Rentei dort für finanzwirtschaftlich Tätige. Die Familie Heßler war es, die ab 1764 den Umbau des Schlosses in den Barockstil voranbrachte: So wurden das damalige Kloster sowie die Schlossgebäude komplett vom Renaissancekleid befreit.

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Von der Neorenaissance bis 1969

Von anhaltenden Umbauten und Veränderungen blieb Schloss V in den anstehenden Jahren keineswegs verschont. Das Erbe der Familie Heßler trat der Amtshauptmann und sächsische Kammerherr Graf Heinrich Moritz I. von der Schulenburg an, welcher ab November 1801 Schlossherr wurde. Sein Nachfahr, Graf Heinrich Moritz II ließ ab Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Neuerungen bzw. Sanierungen vornehmen. Zu den grundlegenden Dingen, die an Schloss Vitzenburg verändert wurden, gehören die Dachgiebel und -simse sowie des Weiteren alle Fenster und Türen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das heutige Lost Place durch den Architekten Max Wallenstein wieder einmal umgestaltet. In den nächsten vier Jahren sollten mit ihm die Türme der Außenmauern sowie das Eingangstor verändert werden. Neubauten in Form von Wirtschaftsgebäuden folgten ab 1892. Viele der Umbaumaßnamen durch Graf Werner Christoph Daniel von der Schulenburg-Heßler zeigen sich durch die entsprechenden Wappen und Jahreszahlen an Schloss Vitzenburg. 1930 starb der Graf und hinterließ das momentane Lost Place seiner Tochter Auguste Marie Anna Freifrau von Münchhausen, die das Rittergut vier Jahre später wieder errichten ließ – und zwar unter der Miteinbeziehung historischer Bausubstanz. Ihr Mann, Rembert Freiherr von Münchhausen, verblieb Herr des Anwesens und wurde nach seiner Verhaftung nach Ende des Zweiten Weltkrieges von sowjetischen Truppen verhaftet. Enteignungen folgten überall, und auch der Besitz der Familie von Münchhausen ging an Landarbeiter und Bauern, noch unter treuhänderischer

Das Tor zum verlassenen Schloss verfällt vor sich hin, da die Bausubstanz angegriffen ist und verrottet.
Viele Menschen haben dieses Tor schon passiert – auf dem Pferd, zu Fuß, tot und lebendig. Heute ist das Lost Place leider arg mitgenommen und leider, wie so oft, von Vandalismus nicht verschont.

Verwaltung: Auguste Freifrau von Münchhausen verließ den Osten. Nach Gründung der Landwirtschaftsschule Vitzenburg 1947 diente Schloss V als Schulgebäude für Lehrer im landwirtschaftlichen Bereich. Die Schule verlegte ihren Sitz in eine andere Stadt und schon war es wieder eine neue Nutzung für Schloss Vitzenburg.

Vom Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu Bibi und Tina

Ab Dezember 1969 kam dem Schloss V eine völlig andere Nutzung zu: Das Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie eröffnete und das derzeitige Lost Place wurde gut 30 Jahre so genutzt. Ende der 1990er Jahre schloss der Krankenhausbetrieb endgültig und aus den Händen der Treuhand erwarb ein Architekt Schloss Vitzenburg im Jahr 1996 für den symbolischen Preis von einer Mark. Die damit einhergehenden Verpflichtungen jedoch gingen mit einer Investition von 10 Mio. DM in den kommenden 10 Jahren einher. Schloss V glich zu dieser Zeit nicht etwa einem Lost Place, da zahlreiche Sanierungsmaßnahmen griffen. Das Außengelände inklusive Weinberg sowie die Gebäude wurden wieder

Rote Wandfarben und Steindetails finden sich an der Treppe des Lost Places im verlassenen Schloss.
Das Lost Place von innen weist noch viele Spuren der Dreharbeiten der Bibi & Tina-Reihe auf, besonders an der Haupttreppe sieht man einige Relikte. Schöne Motive finden sich trotz der nachträglichen Veränderung.

aufgehübscht – nur eine neue Nutzung fand sich bedauerlicherweise nicht: Kein Hotel, keine Privatklinik, keine Tagungsstätte, lediglich Leerstand: Mit Schloss Vitzenburg hatte der Erwerber kein Glück. Die unausweichliche Zwangsversteigerung im Sommer 2004 brachte kaum 400.000 Euro ein. Immerhin blieben der Weinberg sowie der Schlossberg in den Händen des Architekten. Glück hatte zuletzt der Weinberg im Jahre 2016, der mitsamt seines Pavillons zurück den Besitz der Familie von Münchhausen kam. Aktuell erfährt der Pavillon mit dem schönen Blick über die Unstrut erfreulicherweise eine Renovierung. 2013, 2014 sowie 2016 und 2017 wurde Schloss V als Filmkulisse genutzt. Vorher hatte ich noch nie etwas von der Bibi & Tina-Reihe gehört, diese scheint sich, gemessen an den vielen kleinen Besucherinnen der Außenanlagen („Kinder dürfen nicht ins Schloss!“ WTF) sich jedoch einiger Beliebtheit erfreut zu haben.

Das Lost Place in Sachsen-Anhalt heute

Als Drehort ist Schloss Vitzenburg sicher mehr als geeignet: Die Kamine, die alten Flügel und das Parkett machen sich bestimmt gut. Die Außenansicht inklusive des schönen Gartens lohnt sich auch schon fast allein,

Der rote Sessel vor dem Kamin und der Holzvertäfelung sieht im Lost Place besonders gut aus.
Kamine überall – im Schloss Vitzenburg zieren diese Relikte zahlreiche Räume des Lost Places. Es gibt wahnsinnig viele Motive und dank Voranmeldung hatten wir viel Zeit zum Fotografieren.

wenn man mal in der Gegend ist. Fotomotive gibt es ohne Ende, jedoch auch wirklich nicht viel Licht im Lost Place. Besonders die geschwungenen Treppenhäuser sowie die Holzdetails lassen sich ohne Stativ nicht ablichten. Richtig schön waren die vielen Flügel und die klassischen Außenansichten der nach wie vor interessanten Architektur des Lost Place an dem wolkigen Tag. Natürlich bringt das Fotografieren in dem Lost Place auch einige Nachteile mit sich: Hier war es der stickige Geruch, denn einfach mal ein Fenster öffnen kann man nicht. Ich war froh, dass im Obergeschoss ein bisschen Durchzug herrschte. Das Problem sind Marder und Waschbären und/oder andere Schädlinge, die Schloss Vitzenburg in Scharen bewohnen müssen. Überall finden sich Hinterlassenschaften. Leider wurden auch einige innenliegende Bereiche des verlassenen Schlosses für die Dreharbeiten verunstaltet: Es finden sich daher rotkarierte Stoffbahnen an den Vertäfelungen und es wurden Teile der Treppen übermalt. Aufgemalte Fugen, die Steine zeigen sollen, naja. Immer wieder trifft man jedoch auf kleine

Gruselige Puppen im Lost Place finden sich auch hier im Schloss Vitzenburg.
In fast jedem Lost Place findet man sie, wenn man lange genug sucht: Puppen, gruselige Puppen. Dieses Exemplar wartete in der Küche des verlassenen Schlosses, um fotografiert zu werden.

Relikte der Vergangenheit. Hauptsache, es findet sich in Zukunft eine passende Nachnutzung für das Lost Place. Nicht sonderlich weit weg z.B. von den sehenswerten Städten Nebra und Freyburg lohnt sich die Gegend unter anderem für all jene Touristen, die sich gerne Burgen ansehen und Wein trinken. Da wir noch zu einem anderen Lost Place gefahren sind, war nicht mehr allzu viel Zeit, die Gegend zu erkunden – das Licht verschwindet im Herbst ja recht schnell. Die Architektur und die Landschaft um Schloss Vitzenburg sind jedoch wirklich sehenswert und ich werde bestimmt noch einmal wiederkehren, spätestens vor der Reise nach Tschechien. Wer mehr über dieses einzigartige Lost Place erfahren möchte, kann sich in den vielen Mediatheken des Öffentlich-Rechtlichen schauen, dort finden sich zahlreiche Beiträge. Mögen die nächsten Informationen über Schloss Vitzenburg von seiner Rettung handeln.

Weitere Ansichten der Innenräume sowie der Außenbereiche hier:

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Lisa
Harz- und naturbegeistert, Faible für Fotografie im Allgemeinen und Vintage-Linsen im Speziellen. Hunde ♥ Bäume ♥ Wälder ♥ Wiesen ♥ Teiche ♥ Natur

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